Region Werdenberg, Die Region Werdenberg umfasst die st. gallischen Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald. Die Zusammenarbeit in den Bereichen Verkehr, Wirtschaft, Regionalentwicklung, Jugend, Soziale Dienste, Bildung, Abfall- und Deponie etc. erfolgt in der Regionalplanungsgruppe Werdenberg bzw. im Rahmen des Region Plus Projektes Persönlichkeit Werdenberg
 

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Ein Toter findet keine Ruhe

Es ist im Frühling 2005. In der alten Stube im Salezer Gasthaus Löwen herrscht reger Betrieb. An den Tischen sitzen Familien mit Kindern, gemütliche Jassrunden, Dorfbewohner bei der friedlichen Einkehr; die Wirtin hat alle Hände voll zu tun. Doch dann verdüstert sich die Szenerie, wird nebulös, taucht ab in längst vergangene Zeiten und findet sich am 4. Mai 1596 wieder, wo man nach gehaltenem Maiengericht im Wirtshaus zu Salez noch in geselliger Runde um Johann Philipp Freiherr von Hohensax zusammensitzt. Zugegen ist auch der Sohn dessen Halbbruders, der junge Ulrich Georg. In feindseliger Absicht, wie es sich bald zeigt. Es kommt zum Streit und zur Tätlichkeit, deren Folgen Johann Philipp neun Tage später auf Schloss Forstegg erliegen wird. Zuvor noch wird er einen mit einem eigenhändigen Nachtrag versehenen Brief an den zürcherischen Rat diktieren, worin er den Hergang des Vorfalls in Salez detailliert schildert und die Entsendung einer Wache zu seinem Schutz vor dem «auf neue Gewaltthat sinnenden Mörder» erbittet.

«Wunder» und Leichenraub

Das tragische Schicksal Johann Philipps wäre in der Erinnerung der Bevölkerung sicherlich weit weniger präsent, wenn es 1730 nicht zu einem seltsamen Fund gekommen wäre: Als bei einer Renovation der Kirche Sennwald die Freiherrengruft geöffnet wurde, fand man darin den gänzlich unverwesten, mit einem violetten Seidengewand bekleideten Leichnam Johann Philipps. Teilweise erhalten hatten sich auch die Überreste dessen Schwester, der Freiin Elisabeth Amalia. Die Gruft wurde daraufhin nicht mehr ganz verschlossen; sie wurde mit einer Öffnung ausgestattet, durch die man hineinsehen und -kriechen konnte. Die Nachricht von der sensationellen Entdeckung verbreitete sich in Windeseile; von weitherum erschienen Neugierige, die das «Wunder von Sennwald» mit eigenen Augen sehen wollten. In katholischen Gegenden, besonders in Vorarlberg, wo von der Lebensgeschichte des Freiherrn kaum etwas bekannt war, entstand die Legende vom unversehrten Leib eines Märtyrers, dessen Reliquien wundertätige Wirkung entfalteten. Dieser Wunderglaube hat den auf natürliche Weise mumifizierten Leichnam nicht nur seine Ruhe, sondern auch Teile seines Gewandes und sogar seiner Gliedmassen gekostet. Offensichtlich um die Unversehrtheit der Mumie zu schützen, sicher aber auch wegen der im reformierten Sennwald wenig willkommenen katholischen Pilgerschar wurden die Besichtigungen 1736 untersagt.
Fünf Jahre später, in der Nacht auf den 7. März 1741, brachen vier Männer aus Vorarlberg in die Sennwalder Kirche ein, öffneten die Freiherrengruft, stahlen Johann Philipps Leichnam und brachten diesen nach Frastanz. Der Raubzug – nachweislich unterstützt vom Rektor der Jesuiten in Feldkirch – erfolgte im Glauben, damit einen katholischen Heiligen von der Schmach zu erlösen, in ungeweihter Erde bestattet zu sein. Aber auch materielle Motive spielten mit: Die vier Diebe, mausarme Taglöhner und Bauern, erhofften sich, der «heilige Leib von Sennwald» würde für sie zu einer sicheren Einnahmequelle. Das hat sich, wie aus vorarlbergischen Quellen bekannt ist, eine Weile auch bewahrheitet – so lange, bis bekannt wurde, dass es sich bei der Mumie nicht um einen katholischen Märtyrer, sondern um die sterblichen Überreste eines eifrigen kalvinistischen Glaubenskämpfers handelte. Ende Mai 1741 wurde die Mumie in einem Sarg an der Rheingrenze abgeliefert und von dort ins Schloss Forstegg verbracht. Die Untersuchung ergab, dass dem Leichnam zwei Finger der linken und der Daumen der rechten Hand fehlten und das Gewand «etwas zerrissen» war.
Ref. Kirche SennwaldNach dieser Begebenheit scheint die Mumie vorerst wieder in die Gruft gebettet worden zu sein, wurde jedoch schon bald in die Glockenstube des Kirchturms verlegt. Dort lag sie lange Zeit offen aufgebahrt, wodurch ihr zuvor laut den Quellen noch erstaunlich guter Zustand nun massiv Schaden nahm. Später legte man sie wenigstens in eine sargähnliche Kiste mit Glasdeckel, worin sie bis Ende der 1970er-Jahre verblieb. Beim Bau der Leichenhalle wurde für sie ein kleiner, separater Raum eingerichtet.

Zwei mögliche Todesursachen

Vor der Verlegung in die neue «letzte Ruhestätte» erfolgten 1979 bis 1981 an der Universität Basel im Auftrag der st.gallischen Kantonsarchäologie erstmals wissenschaftliche Untersuchungen und eine Konservierung des Leichnams. Und erneut sorgte Johann Philipp für eine Überraschung: Der Paläopathologe Prof. Siegfried Scheidegger und der Anthropologe Dr. Bruno Kaufmann stellten zwei Gewalteinwirkungen fest, die zum unmittelbaren oder doch sehr baldigen Tod geführt haben mussten: Einen Schlag mit einer starken Waffe, der eine 15 Zentimeter lange, tiefe Schädelfraktur hinterliess und Strangulation mit einem Strick. Den Nachweis für Letzteres erbrachte der von den Forschern am Hals entdeckte Strangulationswulst. Absolut klar war für die Wissenschaftler, dass ein Mensch mit einer so gravierenden Kopfverletzung unmöglich noch einen Brief hätte diktieren und unterzeichnen können: Der grosse Blutverlust hätte einen sofortigen Druckabfall im Gehirn und – wenn nicht den raschen Tod – zumindest Bewusstlosigkeit bewirkt. Bis zu diesen Untersuchungsergebnissen hatte im Geschichtsbild alles so schön zusammengepasst: Der reformierte Freiherr war von seinem katholischen Verwandten in mörderischer Absicht angegriffen und verwundet worden, konnte sich aber aufs Schloss retten, wo er sich ordentlich erholte, so dass er sogar in der Lage war, nach Zürich zu berichten, bevor sich die Wunde wieder öffnete und er – wie es in einer Schilderung heisst – «unter andächtigem Gebet sanft und ruhig starb».
Nun aber stand die Geschichtsforschung unverhofft vor ganz neuen Fragen: Schloss ForsteggFand auf Schloss Forstegg ein zweiter Mordanschlag statt? Wurde dieser möglicherweise vertuscht? Ist der Brief an den Rat von Zürich eine Fälschung? Und handelt es sich bei der Mumie von Sennwald überhaupt um Johann Philipp?

Aus Anlass des 400. Todestages hat Noldi Kessler, Gams, im Werdenberger Jahrbuch 1996 die bis dahin bekannten Fakten über das Leben und den Tod Johann Philipps und über das Schicksal seiner Mumie sowie die sich aus den Untersuchungen von 1979/81 ergebenden Ungereimtheiten ausführlich dargestellt. Die Hoffnung auf eine Publikation der Basler Wissenschaftler, die den Geschichtsinteressierten vielleicht Aufschluss und dem Freiherrn endlich seine Ruhe hätte bringen können, hat sich in der Folge jedoch nicht erfüllt. Zu vieles wäre nach Ansicht der Forscher der Spekulation anheimgestellt geblieben.

Filmarbeit als Forschungsprojekt

Inzwischen wurde die Redaktion der ZDF-Sendung «Abenteuer Wissen mit Wolf von Lojewski» bei ihren Recherchen für eine dreiteilige Dokumentationsreihe über mysteriöse Ereignisse im Umfeld von Kirchen und Klöstern auf den Mordfall Johann Philipp aufmerksam und entschloss sich, den offenen Fragen nachzugehen. Der Fernsehbeitrag wird demnach nicht nur die filmische Nacherzählung des dramatischen Geschehens von 1596 beinhalten, vielmehr haben sich die Filmproduzenten eine wissenschaftliche Neubearbeitung des Falls zum Ziel gesetzt.  Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

Auszug aus der W&O Reportage von Hans Jakob Reich vom 7. Mai 2005 im W&O


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