Region Werdenberg, Die Region Werdenberg umfasst die st. gallischen Gemeinden Wartau, Sevelen, Buchs, Grabs, Gams und Sennwald. Die Zusammenarbeit in den Bereichen Verkehr, Wirtschaft, Regionalentwicklung, Jugend, Soziale Dienste, Bildung, Abfall- und Deponie etc. erfolgt in der Regionalplanungsgruppe Werdenberg bzw. im Rahmen des Region Plus Projektes Persönlichkeit Werdenberg
 

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Menschen

Der Reporter

  «Eilt es, darf ich nicht die Bahnhofstrasse nehmen»

Er ist ein Buchser Original: Hansruedi Rohrer. Als rasender Reporter entgeht ihm kein Termin, keine Geschichte bleibt unentdeckt und niemand kann sich seiner Neugierde entziehen. Eine Fotokamera hat er immer in der Jackentasche. Als nebenamtlicher Chronist und leidenschaftlicher Lokalhistoriker hält er jeden Augenblick des regionalen Zeitgeschehens fest. Er sieht seine Aufgabe darin, andere ins rechte Licht zu stellen. Wird er selber geehrt, ist es dem 55-jährigen Reporter eher unangenehm. Obwohl er ansonsten nie um einen Spruch verlegen ist, fehlen ihm dann die Worte. Sein erklärtes Ziel ist es, als ältester Reporter der Schweiz in die Geschichte einzugehen. Und dann, aber erst dann gönne er sich auch eine Woche Ferien - im schönen Werdenberg.

Er ist bekannt wie ein bunter Hund. Diese Bezeichnung ist wohl so treffend wie bei kaum einer anderen Person. Als Reporter der Lokalzeitung «Werdenberger & Obertoggenburger» hat er sein Büro sozusagen auf der Strasse. An den Schreibtisch setzt er sich nur, um seine Geschichte schnell zu schreiben. «Ich bin ein Terminjournalist», erklärt er, «und das ist auch gut so - die Hintergrundgeschichten sollen die anderen schreiben. Ich muss auf die Strasse hinaus. An die Front des Geschehens und unter die Leute.» Wenn es eile, dürfe er jedoch nicht die Bahnhofstrasse entlanggehen, «es spricht mich sicher irgendjemand an».

Ein Buchser Original
Erst wollten wir uns bei ihm daheim treffen. Doch zu Hause schläft Hansruedi Rohrer eigentlich nur, denn sein Leben spielt sich dort ab, wo etwas Interessantes passiert. Kein Geschäft wird eröffnet, keines geschlossen, kein Verein hält seine Hauptversammlung ab und keine Podiumsdiskussion geht über die Bühne, ohne dass Hansruedi Rohrer nicht anwesend wäre. Jedermann kennt ihn und er kennt jeden.
Diese Erfahrung mache auch ich, als wir die Bahnhofstrasse überqueren und uns in eine gemütliche Bar setzen. Jeder zweite Passant grüsst ihn. «Ein kurzer Schwatz liegt immer drin», erklärt er mir. In seinem Beruf könne man nicht nur die Menschen ausquetschen, wenn sie eine interessante Geschichte zu erzählen hätten, «manchmal muss man auch einfach nur zuhören». Als eine Art Seelsorger lasse er die Leute so lange erzählen, bis sie sich ganz befreit bedankten und sich zufrieden verabschiedeten.

Uneigennützig und bescheiden
Obwohl er oft von einem Termin zum anderen hetzt, merkt man sofort: Der Mann nimmt sich Zeit. «Ich hätte gerne mehr Stunden pro Tag zur Verfügung», sagt er, «aber da ich nun einmal nicht mehr habe, nütze ich die, die mir zur Verfügung stehen.» Hansruedi Rohrer ist von Grund auf ein zufriedener und positiv denkender Mensch. Nichts kann ihn aus der Bahn werfen. Er nimmt das Leben, wie es kommt, und versucht das Beste daraus zu machen: «Ich zerbreche mir nicht den Kopf über Probleme, die ich nicht ändern kann.»
Auf der anderen Seite bemüht er sich, in seinem Umfeld etwas zu bewirken. «Würden sich alle etwas mehr um die Menschen ihres Umfelds kümmern, wären viel weniger einsam, depressiv oder krank», ist er überzeugt. Wann er das letzte Mal krank war, weiss er nicht mehr. «Ich bin ein unverbesserlicher Optimist», fügt er an. Und wenn es der Seele gut gehe, dann werde man auch nicht krank, ist sich der 55-Jährige sicher. Hansruedi Rohrer ist mit seinem Leben rundum zufrieden. Das war jedoch nicht immer so. Nach der Schulzeit machte er die Lehre zum Mechaniker, wurde jedoch nicht glücklich: «Ich wusste nicht, was ich wollte, und so wurde ich Mechaniker.» Mehr als ein Brotverdienst war es nicht, denn gelebt hat er für sein Hobby.

Sammler und Jäger
Schon als Schulkind liebte er es, auf dem Dachboden des Elternhauses herumzustöbern. «Dort oben habe ich meine erste Ansichtskarte von Buchs gefunden.» Bei einer Karte blieb es jedoch nicht. Gründlich durchsuchte er alles, was ihm in die Finger kam, und richtete sich in der Stube sein erstes Archiv ein. Zwei Jahre später bekam er schliesslich von der Grossmutter seinen ersten Fotoapparat. «Es war ein einfaches Modell, aber für mich eine riesige Errungenschaft.» Endlich konnte er seiner Leidenschaft frönen. Ohne müde zu werden, fotografierte Hans-ruedi Rohrer alles um ihn herum. Jedes Haus, jede Strasse, jedes Fest hielt er fest. «Wen interessiert heute schon, wie die Bahnhofstrasse bei Nacht oder schneebedeckt aussieht», ist er sich bewusst, «doch in einigen Jahren sind meine Bilder Zeitdokumente.» Genau wie diejenigen, die er vor Jahren geschossen hat. Bereits heute sei es faszinierend, zu sehen, wie die Menschen vor einigen Jahren herumliefen: «Wo ist denn so etwas schon festgehalten?» Hansruedi Rohrer ist im eigentlichen Sinne Lokal- und Alltagshistoriker. Er schreibt nebenamtlich die Jahreschronik der Gemeinde Buchs und ist erste Anlaufstelle für alle, die sich mit der Vergangenheit der Gemeinde und des Bezirks befassen.
«Mittlerweile besitze ich zirka 80'000 Fotos und rund 2'000 Ansichtskarten von Buchs. Die ersten Dokumente reichen bis ins Jahr 1880 zurück. Im Laufe der Zeit hat sich so einiges angesammelt, sodass ich ein eigentliches Archiv eingerichtet habe.» Hansruedi Rohrer ist für seine Sammelleidenschaft bereits so bekannt, dass man ihm sogar Nachlässe zur Archivierung überlässt. «Die Leute wissen, dass ich nichts weggebe oder verhökere», sagt er. Es sei ihm wichtig, dass alles in Buchs bleibe, und dafür investiere er gerne Zeit und Geld. Dank seines unermüdlichen Strebens, den Wandel und die Geschichte festzuhalten und der Nachwelt zugänglich zu machen, hat er auf einiges verzichtet.

Im Dienst der Allgemeinheit
Eine Frau und Familie haben in seinem Leben keinen Platz gefunden: «Klar denkt man manchmal, was wäre wenn, aber ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Leben.» Er habe seinen grössten Traum verwirklicht und sein Hobby zum Beruf gemacht. «Eigentlich arbeite ich ja überhaupt nicht, sondern werde für meine Leidenschaft bezahlt», fügt er an.
Ein bescheidener Mann, denn für die meisten Dienste, die er leistet, erhält er kein Geld. «Schön wäre es, wenn man all die Dinge, die ich gesammelt und archiviert habe, den Menschen zeigen könnte», sagt er. Aber dafür wären nun andere zuständig. Eines ist jedoch jetzt schon sicher: «Wenn ich nicht mehr bin, bekommt mein ganzes Archiv die Gemeinde Buchs.» Im Testament habe er das bereits festgehalten. Wer weiss, vielleicht gibt es ja dann ein Hansruedi-Rohrer-Museum?

Bemüht, andere ins rechte Licht zu stellen
Wenn Hansruedi Rohrer zu erzählen beginnt, vergeht die Zeit wie im Flug. Wie ein wandelndes Geschichtsbuch weiss er über dies und jenes zu berichten. Ruhiger wird er, wenn es um seine Person geht. «Ich dachte zuerst, es sei ein Fehler, als man mich zur Verleihung des ersten Werdenberger Kulturpreises einlud», erinnert er sich.
Gefreut hat es ihn aber trotzdem, obwohl er so viel Rummel um seine Person nicht gewohnt ist. Er sieht seine Aufgabe darin, andere ins rechte Licht zu stellen. «Ob man in hundert Jahren noch weiss, dass ich die Bilder geschossen habe, ist nicht wichtig», meint er bescheiden.
Etwas will er hingegen auf jeden Fall noch erleben: «Meinen einhundertsten Geburtstag!» Schliesslich will er als ältester Reporter der Schweiz in die Geschichte eingehen: «Und dann mache ich eine Woche Ferien.»

von Nicole Schöbi-Büchel, LieWo, Februar 2005


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