|
|
|
|
|
|
|

«Ich wollte schon immer Bäuerin werden»
Babette Schlegel vom Grabserberg ist Bäuerin mit Leib und Seele. Allerdings be-schert ihr der Alltag ein gerüttelt Mass an Arbeit, und dies an 365 Tagen im Jahr. Frühmorgens aufstehen und spät zu Bett gehen gehören ebenso selbstverständlich zum Leben wie überall dort anpacken, wo es nötig ist. Auch wenn die Bewirtschaf-tung des Hofes viel Kraft fordert, sie findet Zeit, um Teekräuter zu sammeln und Gäste zu bewirten. Sie macht auch bei der Werdenberger Apéro-Gruppe mit und ist mit ihren Produkten auf dem Bauernmarkt anzutreffen.
Hoch über dem Rheintal, auf 730 Metern Seehöhe, bewirtschaften Babette und Andreas Schlegel-Beusch ihren 26 Hektar grossen Bauernbetrieb. Der Blick über das Rheintal ist fantas-tisch, sozusagen Auge in Auge mit den «Drei Schwestern», aber auch Weitblick pur Richtung Saganserland und Bodensee. Ein paar Tage Ferien abseits der Hektik, der Gedanke ist verlockend. Doch während ich mir genüssliche Tage vorstelle, erzählt die Bäuerin von ihrer täglichen Arbeit. Ihre Tage sind von frühmorgens bis spätabends ausgefüllt. «Einen Bauernbetrieb am Berg zu be-wirtschaften ist nur möglich, wenn die Frau kräftig mit anpackt.» Anpacken, das hat die knapp 40-Jährige schon in der Jugendzeit gelernt. Aufgewachsen am Sevelerberg, musste sie schon früh auf dem elterlichen Bauernbetrieb mithelfen. «Ich wollte schon immer Bäuerin werden, die Natur und vor allem die Tiere, das hat mich bereits als Kind fasziniert.» Und dann erzählt sie lachend, dass die Eltern sie oft schlafend in der Futterkrippe bei den Kälbchen gefunden hätten. Auch wenn die Tage lang und hart sind, die Freude an der Arbeit ist geblieben. Mit leuchtenden Augen erzählt sie, wie es ist, wenn eine Kuh ein Kuhkälbchen zur Welt bringt. «Wenn mein Mann Andreas in der Nacht wegen einer Kalberkuh aufsteht, gehe ich immer mit. Und wenn ein gesundes Kalb zur Welt kommt, da kann es schon vorkommen, dass ich der Kuh vor Freude einen Kuss gebe.» Solch schöne Momente gibt es auf einem Hof mit 50 bis 60 Stück Vieh immer wieder zu erleben. «Doch leider gibt es auch die andere Seite, beispielsweise wenn ein Tier krank ist oder wenn es verkauft wird und es Abschied nehmen heisst.» Auch die Bergbauern spüren den Wandel in der Landwirtschaft. «Die Einnahmen aus dem Milchverkauf gehen immer mehr zurück. «Wir mussten uns einfach etwas einfallen lassen, um das Einkommen zu verbessern.» Im Sommer 1995 kam der Familie der Zufall zu Hilfe. «Eines Abends standen drei Velofahrer vor der Tür und fragten, ob sie nicht im Stall übernachten dürften. Sie würden nichts anderes brauchen als ein Dach über dem Kopf.» So sei die Idee, Schlafen im Stroh anzubieten, geboren worden. «In der Schweiz gibt es eine Vereinigung, dieser haben wir uns angeschlossen und bieten seit acht Jahren während den Sommermonaten Schlafen im Stroh an.
Schlafen im Stroh Dort, wo sonst die Kühe stehen, sind grosszügig Strohballen aufgeschichtet, liegen Kissen und Wolldecken bereit und Familien, Einzelpersonen, Gruppen oder Jugendliche geniessen die preisgünstige Übernachtungsmöglichkeit und das währschafte Frühstück. «Wenn ich Gäste auf dem Hof habe, stehe ich immer schon um fünf Uhr auf, um das Brot und den Zopf frisch zu backen. Schliesslich muss das Gebäck bis zum Frühstück ausgekühlt sein.» Aus dem Schlafen im Stroh ist dann die Idee, einen Bergbauernbrunch anzubieten, entstanden. «Ich hatte immer wieder Anfragen von Leuten, die gerne bei uns einen Brunch geniessen wollten. Wer zum Bergbauernbrunch kommt, dem servieren wir Produkte vom eigenen Hof oder aus der Region» - allerdings sei dieses Angebot nur auf Voranmeldung zu bekommen. Beim Rundgang über den Hof zeigt mir die initiative Bäuerin auch ihre Kräuterecke. Es duftet verführerisch nach frisch gepflückten und getrockneten Lindenblüten, Thymian und Holunder. «15 verschiedene Kräuter und Blüten werden von meiner Nachbarin Marie Vetsch und von mir gesammelt, getrocknet, sortiert, abgewogen und als Genussteemischungen verkauft.» Wer weiss, wie viel Handarbeit hinter all diesem steht, wird inskünftig die Teemischungen vom Grabserberg sicher mit noch mehr Genuss trinken. Doch nicht nur Tee, auch Holunderblüten- und Goldmelissensirup werden hergestellt und auf dem Bauernmarkt angeboten. Wer glaubt, dass sich die Bäuerin all diesen Arbeiten in Ruhe widmen kann, irrt gewaltig. Vom Frühsommer bis in den Herbst hinein steht, schönes Wetter vorausgesetzt, Heuen auf dem Tagesprogramm. «Durch die Dreistufen-Bewirtschaftung sind wir sehr lange mit dem Einbringen des Heus beschäftigt. Mein Mann und ich sind dabei ein eingespieltes Team und auch die Kinder helfen tatkräftig mit.» Sie arbeite gerne mit ihrem Mann, meist gehe dies problemlos, «ab und zu haben wir aber das Heu nicht auf der gleichen Bühne», schränkt sie ein. Wer ständig zusammen arbeite, die Verantwortung für den Betrieb und die Familie gemeisam trage, habe auch ab und zu verschiedene Meinungen.
Arbeitsreiches Leben Arbeit dominiert das gesamte Leben der Bergbäuerin. Ob sie sich um ihren Kräutergarten kümmert, die Blumen pflegt, im Stall oder auf den Wiesen arbeitet oder für die Gäste da ist, irgend-etwas gibt es immer zu tun. «Vor allem im Sommer bin ich mit den Hausarbeiten ab und zu im Rückstand, doch der nächste Regentag kommt bestimmt und dann bringe ich dies wieder ins Lot.» Besonders anstrengend ist es jeweils am Abend und in der Nacht vor dem Bauernmarkt. «Da backe ich fast die ganze Nacht Zöpfe und Brot, damit diese am Samstag auch ganz frisch verkauft werden können.» Was sie für die Gäste auf dem Hof mache, sei ihr auch für die Kundschaft auf dem Markt wichtig. Und wo bleiben ihre persönlichen Ansprüche? Wo bleiben die Freizeit oder gar die Ferien? «Ferien gibt es für uns keine. Ab und zu liegt am Sonntag, nachdem die Tiere versorgt sind, eine Bergwanderung drin.» Erfüllung finde sie in ihren vielfältigen Aufgaben und wenn sie sehe, dass es ihrer Familie und dem Betrieb gut gehe. Und persönliche Ansprüche - «die kann ich nicht stellen, denn der Betrieb erfordert meine ganze Kraft. Wenn die Gäste nach einem gelungenen Bergbauernbrunch gegangen sind, setze ich mich gerne für ein paar Minuten an den Tisch, freue mich über den Erfolg und packe dann das Aufräumen an». Zufriedenheit hat offenbar viele Gesichter, eines davon gehört Babette Schlegel. Auch wenn die Hände der Bäuerin von der harten Arbeit zeugen, welche sie täglich zu bewältigen hat, sie ist mit ihrem Leben und ihrem Schicksal zufrieden, immer vorausgesetzt, es geht ihrer Familie und den Tieren gut. Angesprochen auf die herrliche Wohnlage bekomme ich die Antwort: «Ja, wir wohnen hier im Zentrum des Grabserbergs, die Schule, der Einkaufsladen und die Postautohaltestelle sind ganz in der Nähe.» Kein Wort von der atemberaubenden Aussicht oder von der herrlich frischen Luft. Die Gedanken der Bäuerin sind bereits wieder bei der Arbeit, sie sollte noch ein paar Kilo Quark für den nächsten Apéro herstellen. Denn Produkte vom eigenen Hof, die sind ihr ganzer Stolz.
Text und Foto: LIEWO (29. Juni 2003) |
|
|
|
|
|
 |
|