«Zu einem richtigen Mann gehören Hut und Stock»
Wenn Hans Gantenbein, auch der Graf von Werdenberg genannt, sein Haus verlässt, ist er immer perfekt gekleidet. Hut und Stock gehören für ihn ganz selbstverständlich dazu - sie sind sein eigentliches Markenzeichen. Dass die noble Erscheinung in einem halben Jahr ihren 100. Geburtstag feiern wird, ist beim elastischen Gang und dem wachen Geist nicht zu erkennen. Disziplin und Ordnung sind ihm wichtig. Gemäss seiner Frau ist er aber auch warmherzig und sehr grosszügig. Eigenschaften, die sie in den 37 Jahren ihrer Ehe schätzen gelernt hat.
Mit einem Menschen, der 1904, also vor knapp 100 Jahren, geboren wurde, ein Gespräch zu führen und dies dann auch noch auf einer Zeitungsseite zusammenzufassen, ist keine einfache Sache. Wenn der Gesprächspartner zudem noch Hans Gantenbein, auch genannt der Graf von Werdenberg, ist, wird die Angelegenheit zur echten Herausforderung. Der Mann ist nicht nur äusserlich eine gepflegte und beeindruckende Erscheinung, er ist auch geistig wach, verfügt über Witz, ist warmherzig und vor allem, er kann sich über die kleinen Dinge im Leben freuen. «Das Leben ist eine Feier, wir müssen nur die Fähigkeit haben, dies auch zu erkennen», ist einer seiner Leitsätze. Dass der Jurist und anerkannte Rechtsberater einer grossen Versicherungsgesellschaft bis ins hohe Alter von 87 Jahren sein eigenes Büro betrieb, erstaunt eigentlich nicht, denn auch ein halbes Jahr vor dem 100. Geburtstag sind seine Äusserungen klar, die Meinungen von langen Erfahrungen geprägt und nicht von Modeströmungen beeinflusst.
Hans Gantenbein empfängt mich in seinem Haus im Städtli Werdenberg. Gekauft hat er sein heutiges Daheim, das «Rote Huus», 1954 für wenig Geld, dafür in einem desolaten Zustand. Es brauchte zwölf Jahre Zeit, bis das Haus einigermassen bewohnbar war, «damals hatten wir eine Haustüre und Fenster. So richtig ge-mütlich und nach unseren Vorstellungen renoviert war es dann aber erst 1972».
«Ich brauche Leute um mich»
Die Bewohner/-innen im Städtli Werdenberg leben in einem eigentlichen Museum. Die Einmaligkeit dieser kompakten Siedlung wird täglich von vielen Touristen bewundert. Auf die Frage, ob ihn die Touristenströme nicht stören, zuerst ein fröhliches Lachen und dann die Aussage: «Ganz im Gegenteil, oft entwickeln sich sehr interessante Gespräche. Zudem brauche ich Leute um mich. So gesehen wohnen wir genau am richtigen Ort.» Einem Ort übrigens, der ihm auch den Beinamen Graf von Werdenberg eingebracht hat. Es sei ein Übername der Stadtner gewesen, weil er immer perfekt gekleidet und nie ohne Hut und Stock aus dem Haus zu gehen pflege. Dass er Spazierstöcke liebt und auch immer wieder seltene Sammlerstücke findet, wird bereits im Vorraum des Hauses sichtbar. Dort stehen für den nächsten Ausgang eine ganze Auswahl verschiedenster Stöcke mit Elfenbein-, Silber- oder kunstvoll gearbeiteten Holzgriffen bereit. Sein elegantes Erscheinungsbild pflegt Hans Gantenbein mit Überzeugung. «Ich will wenigstens nach aussen perfekt aussehen. Wie es um mein Inneres bestellt ist, geht niemanden etwas an.»
Interesse an Philosophie
Wir sitzen im stilvoll renovierten Wohnzimmer im «Roten Huus» - ein grosser runder Tisch dominiert die Einrichtung. «Dieser Tisch ist für mich wichtig, hier kann ich Gäste empfangen und interessante Gespräche führen.» Gespräche, bei welchen sich der Hausherr gerne fordern lässt, hat er sich doch schon im Alter von zwölf Jahren für Philosophie interessiert. «Dieser Bereich ist so allumfassend, ich habe die ersten Bücher von namhaften Philosophen wie Jaspers gelesen, als ich noch nicht alles verstand.» Doch obwohl er viel Sympathie für grosse Philosophen hat, sich nur im stillen Kämmerlein Gedanken über die Welt und deren Verbesserung zu machen, reiche nicht aus. «Jeder Mensch muss sich in der Gesellschaft, im Beruf oder in der Politik bewähren. Jeder Mensch muss seinen Platz finden und auch Stellung beziehen.»
Im Beruf und in der Gesellschaft haben er und seine Frau ihren Platz gefunden und auch immer klar Stellung bezogen. «Aus der Politik habe ich mich immer herausgehalten und werde dies auch in Zukunft nicht ändern.»
Interessant ist auch die Geschichte, wie sich das Ehepaar Gantenbein kennen gelernt hat. «Ich hatte in Basel ein eigenes Büro als Rechtsberater und war immer ein guter Kunde in verschiedenen Antiquitätengeschäften. Leider fanden nicht alle meine Käufe einen Platz in der grossen Wohnung mit herrlicher Aussicht auf den Rhein. So liess ich auch ab und zu etwas im Geschäft stehen.» Mit einem historischen Teeservice verfuhr er ebenso. «Eine Dame erkundigte sich beim Händler nach dem Preis des Services und erfuhr, dass dieses bereits verkauft sei. Monate später kam sie wieder in das Geschäft, das Service stand immer noch dort.» Dank dem Händler kam es zu einem ersten Kontakt zwischen Hans Gantenbein und seiner späteren Frau Draga, einer promovierten Chemikerin. «Wir trafen uns zu einem ersten Gespräch, daraus entwickelte sich eine Bekanntschaft, und eines Tages wurde ich von ihr nach Hause eingeladen. Was soll ich lange erzählen, wir sind seit 37 Jahren verheiratet.»
Das kinderlose Ehepaar wohnt in Werdenberg, hat aber auch den Wohnsitz in Basel, Hans Gantenbein ist dort Ehrenbürger, behalten. «Wir sind in eine kleinere Wohnung im gleichen Haus umgezogen», erklärt seine Ehefrau Draga. An der Seite des stets rührigen und disziplinierten Mannes ist es ihr in den vergangenen Jahren nie langweilig geworden. Sie nahm 1972, als das Haus in Werdenberg fertig renoviert war, eine Stelle in Buchs an. «Mein Mann gab aber sein Büro in Basel erst 1991, als ich in Pension ging, auf.»
Mitglied in vier Studentenverbindungen
Die verschiedenen Studentenverbindungen sind ein weiterer Schwerpunkt im Leben des Grafen von Werdenberg. «Mit meinen alten Freunden verbindet mich so viel, wir können und müssen uns gegenseitig nichts vormachen, deshalb sind die Kontakte und Gespräche auch so wertvoll.» Wertvoll ist für ihn auch das Leben. Aus diesem Grund verzichtet er ganz bewusst auf ein Auto und besitzt seit über 70 Jahren ein Generalabonnement der SBB. Das Auto in der heutigen Form bezeichnet er als Fehlentwicklung. «Wenn ich von A nach B fahre, will ich mich weder um die Routenwahl noch um die Gefahren des Strassenverkehrs kümmern.» Zudem habe er während seiner beruflichen Tätigkeit viel Einblick in menschliches Leid, ausgelöst durch Autounfälle, gehabt. Er halte es deshalb mit dem Individualverkehr wie mit dem Zigarettenrauchen. «Niemals anfangen, dann muss man auch nicht damit aufhören.»
Und sein Rezept, um geistig rege und körperlich fit alt zu werden? «Alles weglassen, was es nicht zum Leben braucht. Keine Zigaretten, kein Auto, kein übermässiges Essen und Trinken, dafür das Leben als Fest sehen und auch entsprechend zelebrieren.»
Bild und Text: LIEWO (28. September 2003)
Nachtrag (Juni 2008): Leider ist Herr Gantenbein von kurzer Zeit gestorben.